Beziehungskiller: Warum eskalierender Streit genauso schädlich ist wie Schweigen

21. Mai 2026

Ein heftiger Streit tönt aus der Nachbarswohnung. Die schon wieder. Wieso sind die eigentlich noch zusammen, so oft wie da jeder schreit. Kriegen wir besser hin. Wir lassen es einfach gut sein und sprechen nicht mehr drüber. Manchmal merke ich es noch, dass es etwas unterkühlt ist. Aber die kriegt sich schon wieder ein. Ist doch gut, dass ich dann die Diskussion beende. Nicht, dass es noch so wie bei denen nebenan wird.

Oft werden Paare, die besonders heftig aneinandergeraten und oft eskalieren, als problematischer wahrgenommen, als Paare, bei denen die Kommunikation besonders ruhig und still erscheint. Ersteres wirkt aggressiv, zweiteres reguliert. Aber: Neuropsychologisch ist dem überhaupt nicht so. In Stresssituationen übernimmt unser Kleinhirn die Führung und unser präfrontaler Kortex, also der Teil, der sachlich und zugewandt kommunizieren kann, verabschiedet sich. (Reminder: Der Zeigefinger, der gegen die eigene Stirn klopft, wenn wir glauben, jemand verliert gerade den Verstand? Und dabei glauben, wir hätten den Vertsand in diesem Moment noch?!) Dort jedenfalls sitzt der präfrontale Kortex. Und ja, wenn wir so richtig im Streit festhängen, schaltet er sich ab und unser Überlebensretter Kleinhirn übernimmt. Ein eskalierender Streit wird von unserem Gehirn als SOS wahrgenommen- jetzt geht es ums Überleben, good bye Perspektivwechsel. Stellt euch vor, wir wären als Menschheit damals mit dem hungrigen Säbelzahntiger empathisch gewesen? Der arme Kerl hat ja auch nur Hunger. Notfallmodus = Ich-Modus.

Im Notfallprogramm haben wir nur 3 Strategien: Flucht, Angriff, Totstellen. Welche davon wir wählen, hängt einerseits mit unseren biographischen Erfahrungen zusammen (was hat sich bislang bewährt), mit unserem Temperament und mit der Struktur unseres Nervensystems.

Paare, die heftig miteinander streiten sind beide im Angriffsmodus. Sie verletzten sich immer wieder. Die Überaktivierung führt dazu, dass die Paare nur noch wenig Energie haben, ihre Beziehung mit schönen Erlebnissen zu füllen. Zu viele nicht verheilte Wunden führt häufig zur Trennung. Dabei geht es oft nicht um einen heftigen Streit, sondern um die Wiederholung und das nicht gute Reparieren im Anschluss. Das ist nämlich wesentlich. Unsere Beziehung wächst an Reparaturmaßnahmen. Der setzt voraus: Miteinander reden anstatt (Liebes-)totzuschweigen.

Paare, die sich anschweigen, sind im Totstellmodus. Sie verlieren die Verbindung. In der Paartherapie spreche ich hier auch von unteraktivierten Paaren. Sie funktionieren, aber sie spüren sich oft zu wenig. Das hat vor allem Auswirkungen auf Erotik und sexuelles Verlangen. Denn wo keine Reibung, da keine…nunja, Reibung.

Ein kalter Konflikt aktiviert im Gehirn dieselben Areale wie ein heißer Konflikt. Ein kalter Konflikt kann ebenso gewaltvoll sein, wie ein heißer Konflikt. Es geht immer darum, wie können wir entstandene Verletzungen auflösen?

Häufig sehe ich in der Paartherapie oder in der Mediation die Angriff-Flucht-Dynamik. Einer will diskutieren, wird laut und oft unfair (denn er hat, wie schon gesagt, kurzzeitig den Verstand verloren) und der andere flüchtet oder stellst sich tot (Bagatellisieren ist übrigens auch eine Form des Totstellens!) weil er ebenso den Verstand verloren hat. Oft ist die Flucht jedoch auf unbestimmte Zeit. Und derjenige, der mit Flucht oder Totstellen agiert, hat in der Beziehung die Macht. Wann (nicht) geredet wird, entscheidet der, der sich entzieht. Der andere gerät in Panik, weil es Bindungs- und Kontrollverlust zugleich sind. Beides, also Bindung und Kontrolle, sind elementare psychologischen Grundbedürfnisse. Schwimmt uns das weg, wie es im Streit oft ist, landen wir im Notfallmodus.

Was nun tun, wenn beide Extreme vor allem eins verhindern: Klärung. Und Klärung ist Fundament für emotionale Intimität- etwas, was den meisten Paaren heute besonders wichtig ist. Wir sind ja meistens nicht mehr aufgrund der Erwartungen der Großfamilie oder gemeinsamer Ländereien zusammen, stimmt`s? Wir gehen in Beziehung, sei es noch so schwierig, weil so ziemlich alle von uns den tiefen Wunsch nach Verbindung haben.

Was also hilft: Das nächste Mal, wenn Du mit dem Zeigefinger gegen deine Stirn tippst oder dein Gegenüber dies tut, spätestens dann ist es Zeit für eine Unterbrechung. Unzwar eine, die konstruktiv ist. „Hey, wir sind offensichtlich im Notfallmodus. Weil wir uns schützen wollen. Lass uns erstmal wieder zur Ruhe kommen und in (Zeit xy muss im Konsens besprochen werden) nochmal zuhören statt reden. Manche Paartherapeut*innen raten auch, sich nackt auszuziehen. Oder auf den Fußboden zu legen. Oder Kniebeuge zu machen. Am Ende geht es um Spannung abbauen, um wieder in den Selbstkontakt zu geraten. Und um eine Unterbrechung.

Und wenn nichts hilft: Paartherapie oder Mediation. 😉 Obwohl, das kann man auch schon eher in Erwägung ziehen.