Immer öfter höre ich von meinen Klient*innen, aber auch in meinem Freund*innenkreis, Bewertungen oder „Einschätzungen“ über -meistens- Ex-Partner*innen. Auch bei getrennten Eltern, die aufgrund ihrer noch nicht aufgelösten Themen miteinander den jeweils anderen als narzisstisch beschreiben, bereitet mir diese „Klarstellung“ oft Unbehagen. Als Therapeutin weiß ich natürlich, dass diese Bewertung ein Ergebnis vieler vorausgegangener Verletzungen, Beziehungsrettungsaktionen und vielen Versuchen, den Partner*in irgendwie in die Verständigung zu bekommen, nicht oder kaum gelungen sind. Das tut sehr weh. Dann es fühlt sich nach Kapitulation an. Nach Kontrollverlust („Ich habe doch alles versucht!“) und letztlich auch immer nach Ablehnung an. („Warum tut er/sie mir das an?“).
Hier ein kurzer Faktencheck: In der Gesamtbevölkerung liegt eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung- also ein psychiatrisches Krankheitsbild- bei ca. 2 Prozent vor. Relativ häufig leben unter uns Menschen, die eine narzisstisch akzentuierte Persönlichkeit haben. Hier möchte ich wirklich einen Unterschied machen. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine ernste psychische Erkrankung, die mit einem hohen Leidensdruck der Betroffenen und deren Umfeld einhergeht und eine Suizidrate von ca. 10 Prozent hat. Gehen wir nun davon aus, dass der besagte Ex wirklich eine derartige psychische Störung hat: Sind dann Abwertungen und Zuschreibungen sinnvoll? Würden wir das bei anderen psychischen Erkrankungen genauso machen? „Mein Ex ist ein Depressiver. Kümmert sich um nichts und liegt den ganzen Tag nur faul rum.“ An dieser Stelle: Ich bin sehr froh, dass psychische Erkrankungen mittlerweile weitestgehend entstigmatisiert werden. Jedoch stelle ich hier noch große Unterschiede fest. Für depressive Episoden haben die meisten mittlerweile eine Sensibilität entwickelt. Bei Sucht oder eben Narzissmus sieht es anders aus.
Kommen wir zum nächsten kritischen Punkt. Selbst wenn besagte*r Ex eine nach Diagnosekriterien erfüllte narzisstische Persönlichkeitsstörung hat: Ist Mensch = Erkrankung und Erkrankung= Mensch? Es gab üble Zeiten in der Menschheitsgeschichte, die diese Formel genutzt haben. Eine Erkrankung ist Teil eines Menschen- phasenweise mal mehr, mal weniger. Ich bin deshalb sehr dafür, von einem narzisstischen Anteil zu sprechen.
Wenn ich einen Menschen als „Er ist Narzisst. Sie ist Narzisstin.“ deklariere, ist Veränderung kaum noch möglich, oder? Dann haben wir ja einen Fakt geschaffen. Und oft ist genau das das Risiko von Diagnosen, weshalb die Systemische Therapie auch so kritisch auf Diagnosevergaben schaut. Sie können Möglichkeiten einschränken. Und in therapeutischen Prozessen, ob einzeln oder miteinander, geht es doch genau darum: Perspektiven und Möglichkeitsräume entstehen zu lassen. Fest gefahrenes zu verflüssigen. Zu modellieren.
Und nun last but not least: Viel häufiger geraten Menschen mit narzisstisch akzentuierten Persönlichkeiten aneinander- oder eigentlich geraten sie erst einmal zueinander. Oftmals gibt es einen, der bewundert wird und bewundert werden möchte und einen anderen, der sich durch genau diese Begegnung ebenfalls begehrt und erhöht fühlt. Löst sich dieser unausgesprochene Deal („Bewundere mich!“ – Ja, denn dadurch flieg ich mit Dir hoch“) auf- etwa bei Veränderungen, Krisen, Weiterentwicklung, kippt das ganze System und die narzisstischen Anteile werden zum Schreckgespenst und ein einst geliebter Mensch wird unwiderruflich eine Diagnose. Und gleichzeitig: Die Bewunderin bewundert weniger. Dann hilft nur, diese Person wieder ganz nach unten zu manövrieren, um das alte System von bewundern und bewundert werden wieder herzustellen. Solche sogenannten „toxischen Beziehungen“ leben von beiden Personen, die das System am laufen halten.
An alle, die mit narzisstischen Anteilen der geliebten Beziehungsperson schon mal Kontakt hatten: Ich verstehe euch. Es ist sehr schwer. Es ist dramatisch. Es ist verletzend. Es kann den eigenen Selbstwert wahnsinnig angreifen. Wie also wieder inneren Frieden finden? Vielleicht lohnt es sich eine Veränderung des Satzes, der so in etwa lauten könnte: Er/sie hat diesen narzisstischen Anteil, den ich ablehne. Das ist für mich in einer Beziehung nicht verhandelbar. Dieser Anteil ist zerstörerisch. Aber ansonsten ist er auch ein Mensch und kein Monster, was mich im Griff hat. Er kann sich verändern. Er kann mit seinem narzisstischen Anteil in Kontakt kommen und ihn so verändern, dass Beziehung möglich ist. Aber das kann nur er und das hat mit meinem Wert nichts zu tun.
An alle, die den Vorwurf bereits bekommen haben: Ihr seid gewiss auch nicht allein. Und euer narzisstischer Anteil hat Euch schon weit gebracht. Berufliche Erfolge gesichert oder einen großen Bekanntenkreis und Einladungen auf jede Party, denn ihr seid auch wahnsinnig charmant. Aber ihr seid zerbrechlich und euer narzisstischer Anteil ist wie eine eingeschraubte Platte in einem gebrochenen Bein. Hält zusammen, was eigentlich auseinanderfällt. Die Veränderung dessen bedeutet Wachstumsschmerz, aber es könnte sich lohnen.